Das Europa der Könige

Noch interessanter als Geschichte, als Epochen, sind Geschichtsbücher, die in verschiedenen Zeitaltern geschrieben wurden. Hat es je eine Zeit gegeben, die zeitgemäß als richtig erkannte Überzeugungen nicht versuchte durch die Vorfahren legitimieren zu lassen? Die Toten als Notare der gegenwärtigen Konventionen.

Die Zeitalter und Weltgegenden haben ihren Generalbass: Das protestantische England des 18. Jahrhunderts seinen Antikatholizismus und seine Klassikerverehrung – also schreibt Gibbon dem (katholischen) Christentum zu, die Termite am herrlichen Bau Roms gewesen zu sein; das protestantische Deutschland des 19. Jahrhunderts desgleichen das antikatholische Gemüt plus die romantische Germanentümelei – also fabuliert Dahn erst in seinen Geschichtswerken, dann in seinen belletristischen Weitwürfen über christlich weiche Welschheit und germanische Sitten- und Kampfesstärke; das frühe 20. Jahrhundert weiß, das Nation, Rasse, Blut und Stahl die Treibsätze und Schmiermittel der Geschichte sind – also sucht man nach Vergangenheiten, die das beweisen. Und man findet sie. Immer wieder interessantes Beispiel dafür die sich wandelnde Geschichtsschreibung über die Völkerwanderung: Erst Zeugnis dafür, dass Kampfkraft, Männlichkeit und nationale Geschlossenheit die Sieger der Geschichte ausmachen, dann, um die Schraube noch weiter zu drehen, Beweis für die rassische Überlegenheit des Nord- über den Südmenschen, schließlich überführt in ein mehr oder weniger – eher weniger – gewaltsames Transformationszenario, in dem die Geister des Poststrukturalismus und Konstruktivismus den des nationalen Hegelianismus beiseite schoben, und den Zusammenbruch der antiken Stadtzivilisation als – mehr oder weniger – etwas aus dem Ruder gelaufenen, habermasschen Diskurs zwischen Goten und Römern abtaten; so wie auch heute kulturelle Clashs als missglückte Dialogveranstaltungen ausgedeutet werden.

 

Versailles Castle, France
Die einzig beleuchtete Hauptstraße.

Also, langer Rede kurzer Sinn: In der Vergangenheit wird gern die Rechtfertigung der Gegenwart und der erstrebten Zukunft erschaut. Horowskis Buch über den europäischen Absolutismus zwischen 1660 und 1789 tut das nicht. Er schreibt treffend, die Vorstellung, die Ränke der Hofaristokratie – launig und wunderbar unterhaltsam von ihm beschrieben – seien nichts als dekadenter, folgenloser Zeitvertreib gewesen, während der Weltgeist sich doch längst den Bürgern und ihrem Kapitalismus zugewandt habe, fasse die Realität der Zeit einfach nicht. Unsere Lebensweise als die notwendige Siegerin: Was für ein Blödsinn.

„…biegen wir also bewusst von der großen Fortschrittsautobahn ab, um auf der damals einzig beleuchteten Hauptstraße zu fahren, die man rückblickend meisten wie ein Nebengleis oder gar eine Sackgasse behandelt.“

Zuerst meinte ich, das Buch eines Briten in Händen zu halten, denn Horowski wagt es Geschichte zu erzählen – besser, tausendmal feiner als die dämlichen Histörchenromane. Er nimmt sich Protagonisten – den Prince de Talmond, F. W. von Grumbkow, den Duc de Saint-Simon, die Fürstin Orsini – deren Leben er, wie es sich gehört, in barockem Rahmen ausmalt, viel fabuliert und schwadroniert, was nicht sehr modern ist – im Grunde ist es eine Kolportage, wie spannend – aber er zeichnet handlungssatte Bilder, überquellend von Details. Und damit vermittelt er, und das geht nicht anders als so, wie er es tut, dass jene Menschen – immer wieder schwer vorstellbar, sie hätten wirklich gelebt, so wie ich gerade sicher bin zu leben – sich nicht als Vorläufer unserer so viel höher stehenden Zeit, sondern in ihren Lebenszielen und ihrem Weltgeschehen als „unmittelbar zu Gott“ verstanden. Und uns davon Begriffe und Vorstellungen zu schaffen, muss dem Historiker gelingen. Sonst ist alles nur Systemanalyse. Man kann einen Algorithmus daran setzen und eine Auswertung anfertigen lassen. Wie langweilig.

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