Trigger Warning

Die Freiheit der Rede wird nicht von den aggressiven, schimpfenden, beleidigenden, schreienden und hetzenden Typen bedroht. Sondern von denen, die es nicht ertragen, beschimpft, beleidigt, angeschrien und gehetzt zu werden. Die ihre pergamentene Dünnhaut, ihre Hypersensibilität moralisch aufladen und gegen das freie Wort in Stellung bringen. Ihre Schwäche, ihre selbstgewählt Opferrolle wandelt sich in den Augen einer das Opfer sakralisierenden Gesellschaft in Stärke. „Aber Worte können auch verwunden!“, jammert wer, und schon soll das Wort in Folge dieser Phrase dem Schießgewehr gleichgesetzt, verboten oder zumindest eingehegt, genehmigunspflichtig gemacht werden. So zumindest zeichnet Mick Hume die Lage der free speech. Ich denke, seine Sicht der Dinge hat einiges für sich. Nicht der Staat zensiert heute in erster Linie. Es sind Lobbygruppen, Communities und Pressure Groups. Mit dem Argument der seelischen oder kulturellen Verletzung suchen sie Zensur aus Mitleid mit der gequälten Kreatur zu erzwingen; wie gute Sophisten errichten sie einen Strohmann – der sie in der Rolle des bedrängten Opfers zeigt – und diesen beklagen sie lauthals als durch den Beleidiger verdroschen und gedemütigt.

Öffentliche Sprache muss laut Hume zunehmend hochdifferenziert, mit größter Sensibilität und dem neuesten Stand diverser akademischer Begriffsdekonstruktions-Diskurse entsprechend verwendet werden. Ein gewaltiges Problem entsteht daraus der Demokratie, welche auf der möglichen Teilnahme aller Bürger an der öffentlichen Diskussion gründet: Jene, der geschliffenen, fein akzentuierten, listig mit Nuancen und kühn mit Obertönen spielenden Sprache Ohnmächtigen, die Ungebildeten, die manuell und nicht mit schönen Worten Brot und Miete Verdienenden, laufen ständig Gefahr in der Öffentlichkeit als hetzende Beleidiger mit Sprachverbot belegt zu werden. Wer weiß denn schon so genau, wie die aktuell genehme Bezeichnung für eine Person angesichts ihrer geschlechtlichen, ethnischen, religiösen und körperlichen Selbstbeschreibung lautet? Oder über welche Ländereien des Geistes der Blasphemievorwurf die einst gestutzen, nun wieder wachsenden, dunklen Schwingen breitet? In gewisser Weise schreiten die Ansprüche der Expertokratie und der Zensur in trauter Genossenschaft voran.

„In the real grown-up world words can certainly hurt in their way, and not only the abusive ones; there are few things more painful than an unwanted ‚Goodbye‘.“

Hume führt dagegen die Haltung: „Sticks and stones may break my bones, but words will never hurt me.“ Und wenn Worte dazu führen, dass die Leute zu Stock und Stein greifen? Hier ruft er zu einer weniger überspannten Haltung auf. Genau das, so argumentiert er anhand diverser Beispiele, geschehe eben nicht umgehend. Es müsse dazu schon die geeignete ideelle Saat in die Gedankenfelder eingebracht worden sein, auf dass sie unter hassenden Worten wie unter bösem Regen aufgehe in Gewalt. Und dieses Einbringen hassender Ideen in unseren Geist geschieht wiederum über längere Zeiträume durch Rede, der die freie Rede wiederum Gegner erschafft. Eben darum besteht er, ganz klassischer Vertreter der britischen Presse, auf einer ungeteilten Freiheit der Rede. Nur so sei wirklich sichergestellt, dass wirklich jeder Idee öffentlich die Gegenidee begegnen darf.

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