Doktor Schiwago & Wie der Stahl gehärtet wurde

Russland war nicht von dieser Welt und schon gar nicht von der westlichen Welt. Da mochte Peter der Imperator die Untertanen entbarten wie er wollte, Katharina ihre Kabinette, Armeen und Betten mit Deutschen vollstopfen, Alexander sich als Befreier-Zar feiern lassen. Das ewige Russland würde bleiben wie immer, die Bauern ehrfürchtig, die Soldaten unermesslich leidensfähig, die Bürger fleißig, die Adeligen pflichtbewusst und tapfer, die Kirche tief und weihevoll. Und der Zar, der würde väterlich sein, lohnend und strafend in allmächtiger Gerechtigkeit. Und dann war alles vorbei, in ein paar Monaten.

„Haben Sie Majakowskijs ‚Krieg und Frieden‘ und die ‚Wirbelflöte‘ gelesen?“

Pasternacks Welt wandelt sich, er erblickt Kaleidoskopbilder aus Grauen und Hoffnung, großen Versprechen und noch größeren Lügen. Und inmitten dieses Weltumsturzes – da bricht die Liebe jede Dialektik entzwei, bezwingt selbst die Panzerzüge Bolschewistischer Kommandeure. Für jeden anständigen Roten triefte die bourgeoise Dekadenz aus diesem Denken. Der Roman ist schön, wunderschön, tröstlich. Und vielleicht hofft man, er sei, was die Revolution angeht, auch der ehrlichere. Mit all seinen dunklen Tönen, seiner Entzauberung bolschewistischer Mythen. Ich glaube, das ist er nicht.

„Jetzt schlägt selbst die Jugend die Trotzkisten kurz und klein.“

Ostrowski hat ein Propagandawerk erschaffen, das ich heute für kaum noch lesbar halte. Seine Bolschewisten sind so edel, so tapfer und rein. Es können keine Menschen sein, denke ich Großstadtbewohner des Jahres 2017. Vielleicht waren es auch keine, aber doch existierten sie. Als Werkzeug des Weltwillens. Möglich, dass sie sich so sahen. Es kann nicht alles Schall und Rauch gewesen sein, was die Roten Banner fliegen ließ über einen Kontinent. Man kämpft sich nicht vom Ural bis zum Pazifik durch, wenn keine Idee einen vorantreibt. Diese unterbittliche Härte, die das Buch durchzieht, ist keine Pose – heute glauben manche Zeitgenossen ja, alles sei Pose und Wort. Mauser und Bajonett machen Posen und Worten den garaus. Diese Rotgardisten machten ernst, ironische Weltbetrachtung ist Hobby der degenerierten Bourgeoisie.

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