Die Geschichte in Dienst stellen

Das ham wir immer schon so gemacht, sei kein Argument heißt es. Stimmt natürlich nicht, es ist das beste aller Argumente. Die Vergangenheit, die Geschichte in den Dienst der Gegenwart stellen, im Kleinen wie im Großen, ist die naheliegendste, unserem Denken nahekommende, mithin menschlichste Begründung für Tun und Unterlassen. Welt- und Personengeschichte lieben die Empirie, die Erfahrung und was mag ihr widerstehen?

Daher immer wieder in den Medien zu sehen, zu hören und zu lesen, wie eine alte Kultur unserer Zeit angeeignet wird. Zumindest in einigen Aspekten. Etwa: „Willkommenskultur in der Bronzezeit“. Man findet im Oberbayrischen Gräber aus genannter Epoche, darinnen die Überreste von Frauen – anscheinend ehrenvoll bestattet – die, so ergeben allerlei zauberisch anmutende Analysen, irgendwo im Saale-Unstrut-Raum ihre Jugend verbracht haben müssen. Messerscharf schlussfolgert der Reporter – eingewandert, immigriert sind sie und willkommen geheißen und integriert wurden sie. Welche vorbildliches und nachahmenswerte bronzezeitliches Gemeinwesen. Seht ihr, rufen uns Autor und Text zu: Schon damals war man weiter, offener. Offene Grenzen, Gesellschaften und Geister sind keine verrückte, neuweltliche Idee, sondern bestens erprobte Praxis seit so gut wie Ewig. Amen to that.

Den Kopf schüttle ich und mir die Haare von dem selben – Frauen pflegten in vielen Kulturen nichts weniger als vom Vaterhof verkauft zu werden an den vom Familienherren bevorzugten Bieter. Gleich wo man hinschaut auf dem schönen Erdenrund – nur wenige Gesellschaften erwarten vom Bräutigam Haus und Hof mit dem der Brautfamilie zu tauschen (gleichwohl es das auch gibt, nur kommt es eben seltener vor). Fast immer verlässt und verliert die Frau die Sippe und wird in die neue aufgenommen. Da bemüht man stattdessen das Bild von mutigen Migrantinnen, die vor 5.000 Jahren das Ränzchen schnüren und, über Stock und Stein, sich aufmachen ins Ungewisse der dunklen Wälder, bis sie dann irgendwann am Fuße der Alpen stehen, von der Zuwanderungsbehörde der örtlichen Verwaltung registriert und in einen Integrationskurs gesteckt werden, ein kleines Café eröffnen, einen netten Mann aussuchen und…Schluss, aus, halt, Blödsinn. Schaut euch, ihr sherezadierenden Geschichtenerzähler einfach jene noch recht archaisch anmutenden Welten an, wie sie emsige Anthropologen eifrig dokumentiert haben. Auch dort kommen die Frauen nicht selten von weiter entfernten Siedlungen, Stämmen, Kultgemeinschaften. Aber das ist keine Einwanderung – schon gar nicht ungesteuert – sondern ähnelt eher dem gezielten, mithin wohlüberlegten und an Kriterien des Nützlichen und Gewollten orientierten Menschenimport.

Modernität findet sich nicht in bäuerlichen, seit ein paar Generationen sesshaften Kulturen, die Mond und Sterne anbeten und wahrscheinlich annehmen, dass der Uterus einer Frau einem Feld ähnelt, dass der Mann pflügt und besamt. Hört auf solche steilen, anachronistischen Thesen aufzustellen, um die Gegenwart zu rechtfertigen oder zumindest plausibler zu machen. Das Jetzt muss sich aus sich selbst heraus rechtfertigen. Wir brauchen keine Germania des ollen Fabulierers Tacitus.

Nachtrag: Neben dem nonchalanten Verweis auf die gute Tradition gibt es natürlich ein weiteres, ebenso wirksames wie offiziell geringgeschätztes Mittel der Argumentationsverstärkung – die Nennung einer hochlöblichen Autorität. Und so will ich mich dieser Kulturtechnik befleißigen im Sinne meiner oben getanen Ausführungen. Es spricht nun kein Geringerer als der oftmals genial irrende (hier aber spricht er reine Wahrheit) Egon Friedell:

„Die geistige Geschicht der Menschheit besteht in einer fortwährenden Uminterpretierung der Vergangenheit.“

Friedell, Kulturgeschichte der Neuzeit

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