Der letzte Tanz & Adel im Untergang

Die Geschichte ist die Lehrmeisterin einer Niedertracht, die keine Grenzen kennt. Das vergangenen Jahrhundert allein treibt, versucht man die Worte und Taten der Niedertracht zu fassen, in jene kurzen Wahnzustände, die der Verstand wie einen schützenden Schleier sich überzieht; denn der ungetrübte Blick hält nicht stand.

Da ist die eine, große Lehre, mit der uns das zwanzigste der Jahrhunderte nach unserer Zeitrechnung entlässt: Halte nicht denen die Treue, die dich, deine Familie, deine Kultur zu überwinden, zu vernichten ankündigen. Auf den ersten Blick keine überaus scharfgeistige Feststellung, denkt man – bringt sich denn nicht jeder vor seinen Schergen und künftigen Mördern zeitigst in Sicherheit? Ich fürchte: Nein, es gab immer wieder jene, die gemeinsame Bande der Geschichte, der Sprache, der Zivilisation für feste Mauern wider die Barbarei hielten. Etwa die nationaldeutschen Juden mit EK I im Knopfloch, die bis zuletzt nicht glauben und begreifen konnten, welche Niedertracht die Deutschen wider sie im Herzen hegten. Aber über diese Betrogenen will ich heute nicht schreiben. Sondern über andere, die von dem Staat, dem sie seit Jahrhunderten angehörten, zu Toten, zum Aas des Müllhaufens der Geschichte erklärt wurden. Die Rede ist vom russischen Adel.

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Sprich, Genosse Mauser!

Natürlich ist es eine andere, völlig andere Schicht und Geschichte als die der deutschen Juden. Aber als ich Douglas Smith Buch las und mich von prachtvollen Bällen der Vorrevolution über die brennenden Güter und erschlagenen Grafen der Revolutionszeit vorlas zu der weniger archaischen, dafür aber totalen Gewalt des etablierten Sowjetstaates, wunderte ich mich immer wieder, warum so viele dieser „ehemaligen Leute“, wie man sie in der Sprache der siegreichen Klasse adressierte, das Land nicht verlassen haben. Sicher, viele sind geflohen, Familien rissen für ewig auseinander, aber viele blieben eben auch, konnten die Sprache, die Erde und Städte Russlands nicht hinter sich verschwinden sehen. Statt dessen verschwanden sie in dieser Erde, zu Hundertausenden.

„Um unsere Feinde zu besiegen, müssen wir unseren eigenen sozialistischen Militarismus entwickeln. Es gilt, 90 der 100 Millionen Russlands für unsere Sache gewinnen. Den Übrigen haben wir nichts zu sagen. Sie müssen vernichtet werden“, so sprach G. Sinowjew.

Das Buch zeichnet keine Hagiographie des Adelskaste – wird aber ihrem weiten Spektrum gerecht. Es gab erzreaktionäre Ausbeuter, schwadronierende Militaristen, eifernde Hofschranzen, prügelnde Gutsbesitzer – und liberale Reformer, strebsame Wissenschaftler; ja, auch den einen oder anderen radikalen Neuerer – ein gewisser W. I. Uljanow etwa, der dem russischen Kleinadel entstammte. Mit solch feinem Blick freilich betrachtete dieser seine ehemaligen Klassenkameraden nicht. Ihren Einfluss, ihren Besitz, ihre Kultur und schließlich auch ihre Leiber galt es aufzulösen. Es wurde getan. Atemberaubend ist, dass der Hass kein Ende fand. Selbst in den Dreißigern, Stalin herrschte und die ehemaligen Adeligen waren, so noch lebendig, allesamt gebrochene, ungefährliche Gestalten, deren Kinder sich furchtsam ganz dem Sowjetsystem hinzugeben versuchten, wurden sie, in kleinen Schritten, in kleinen Chargen, in den GULAG, in die Folter- und Erschießungskeller verschleppt. Spätestens in den späten Vierzigern sind fast alle, auch die Kinder, die im Roten Oktober kaum auf der Welt waren, nicht mehr am Leben. Wie gesagt, es ist eine Lehre der Niedertracht und sie schreit: Hau ab, so lang du kannst!

Und nun einer, der auf der anderen Seite der Geschichte stand – sie hielt sich, gemäß den entdeckten unveränderlichen dialektischen Kräften für unbesieglich – einer, der gemäß seiner Geburt auf jene der ehemaligen Leute gehört hätte. Aber er lebte in einem Land, dass sich entschlossen hatte, andere Menschen auszurotten. Sein Name war Arnold Friedrich Vieth von Golßenau, was ihn als Angehörigen des sächsischen Uradels ausweist. Bekannter ist er als Ludwig Renn. Als in der UdSSR in den Dreißigern den letzten Aristokraten langsam aber sicher der Garaus gemacht wird, sitzt er – der Kommunist – bei den Nazis im Kerker, aus dem ihn einflussreiche Freunde herausbekommen. Sofort geht Renn nach Spanien, stellt sich der vom Faschismus bedrängten Republik als Offizier zur Verfügung – denn das ist er, seiner Herkunft und Ausbildung nach. Er hat schon in einem großen Krieg gekämpft, aber damals noch unter der Krone der sächsischen Könige; nun wird er Stabschef der XI. Internationalen Brigade, geht dann nach Mexiko ins Exil – die UdSSR vermeidet er wohlweislich. In der DDR wird ein Mann dieser Vita mit offenen Armen empfangen, er verlebt hier seine letzten Jahre. Und veröffentlicht ein Buch, das den Titel „Adel im Untergang“ trägt. Eines dieser unwahrscheinlichen Bücher, also Texte, die weder mit dem Ort und der Zeit ihrer Entstehung noch ihrem Verfasser auf den ersten Blick in Einklang zu bringen sind. Oder besser gesagt, für mich war dieses Buch eine überraschend schöne Absurdität.

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Alles Nutzlose wird vom Gang der Geschichte überholt.

Gefunden haben wir uns in einem kleinen, verstaubten und für jeden Fantasyfilm guten Antiquariat, in der Jenaer Wagnergasse. Im Laden thronte in einem kuschelig-verranzten Sessel hinter der vielleicht absichtsvoll vormodernen Registrierkasse ein Buchhändler, der angesichts seiner bärtiggelehrten Erscheinung in besagtem Film die Rolle eines gütigen Magister ausgefüllt hätte – eine Gandalffigur. Hier also fand ich das Buch des Ludwig Renn – der Name war mir bekannt, ich hatte kurz zuvor sein „Krieg“ gelesen, und meinte zu wissen, wer dieser brave Sozialist gewesen sein musste. Partei- und linientreu sei er in der DDR gewesen und der Klappentext der 1954er Auflage, die ich in Händen hielt, belehrte mich, dass dieses Buch erzähle, warum der Adel „den Keim zum Untergang in sich trägt“ und als das Nutzlose von der Geschichte überholt worden sei. Ich stellte mich auf einen kreuzbraven sozialistischen Sermon ein, aber da der Schmöker vielleicht zwei Euro gekostet haben mag, kaufte ich ihn.

Mich packte ein solcher Schmerz, ihn so elend zu sehen, daß ich ausrief, ganz aus meinem Herzen heraus: „Herr Major haben mehr getan zu unsrer Erziehung als irgendein andrer!“

Um überrascht zu werden, in jeder Hinsicht (was gibt es Besseres an einem Buch). Zuerst wurde mir gewahr, das jener sächsische Gardeoffizier Vieth von Golßenau, den Renn als Protagonisten auserkoren hat, er selbst war. [Von seiner adligen Existenz in der ersten Lebenshälfte wusste ich zu diesem Zeitpunkt noch nichts.] Er diente im ersten Garderegiment zu Fuß in Dresden, tafelte mit anderen Söhnen des sächsischen Hochadels bei silbernen Tafelaufsätzen und trank aus Kristallgläsern, in die sein Familienwappen eingeschnitten war.

Er paradiert an der Spitze seiner Kompanie, er besucht Hofbälle im Schloss, er säuft und schwadroniert. Aber an keiner Stelle des Buches bricht sozialistische Theorie in den Text ein, Renn zeichnet seine Standesgenossen nicht als Karikaturen, sondern als Menschen aller Schattierungen: Arroganter Adelsstolz, aber auch Herzenswärme und Nachdenklichkeit finden sich, treffen oft aufeinander und stecken charakterliche Panoramen ab. Berührt wurde ich von der liebevollen Zeichnung des Major von Trützschler. Dieser ältere, kranke, äußerst weise und gütige Offizier ist für den jungen Renn Lehrer, Vaterersatz, Freund, vielleicht auch verständnisvoller Beichtvater. Nach dem, wie er ihn schildert, dürfte Renn ihm bis Lebensende ein ehrendes Andenken bewahrt haben. Trützschler tritt in den Mobilmachungstagen des August 1914, obwohl dem Tode nahe, ungefragt zum Dienst an. Renn beschreibt die Szene herzzerreißend und voller Respekt für adeligen Gardemajor. Wie dieses Buch durch die Zensur gerutscht ist, kann ich bis heute nicht begreifen. Immerhin, in diesem Falle einmal keine Niedertracht.

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