Der Spiegel der See

„That’s the problem of cool people: they are very embarrasable“, meinte mein walisischer Schwager vor einiger Zeit – er ist Krankenhausarzt und betrachtet mit jener weisen, stoisch-luziden Illusionslosigkeit die Geschäfte des menschlichen Lebens, wie sie nur die jahrzehntelange Arbeit im Vexierbild einer Station für Lungenkrankheiten verleihen kann und wohl auch muss. Auf gefährliche Höhenpfade mag diese Einstellung führen, schmale Grate an deren Rändern die Abgründe bitteren Zynismus lauern. Aber an jenen Orten, wo die scharfen Grenzen menschlichen Schicksals sichtbar an die Oberfläche treten, diese dünnen, roten Linien in unseren Herzen, welche Hoffnung von Verzweiflung, Freude von Trauer und Lebendes vom Toten trennen, bedeutet sich von wärmenden, sinngebenden Trugbildern zu befreien sich zu emanzipieren, und liebgewonnene Fata Morganen in jenem Punkt des Herzen, da sich alle Emotionen gegenseitig aufheben, sorgsam zu verwahren. Nur so gewinnt der Mensch in kühlen Zonen Souveränität und Urteilsvermögen zurück.

Diese Reise hinter die Schleier gesellschaftlicher, religiöser, philosophischer und selbstgesetzter Illusionen ist das Thema Conrads, und er schreibt darüber wie kaum ein anderer, denn welcher andre Autor hat in Sprachen geschrieben, die er erst spät im Leben erlernte; viele sind es jedenfalls nicht. Taifun, Sieg, Das Herz der Finsternis, Der Nigger von der Narzissus – die den Bewegungen des menschlichen Herzens teilnahmslos gegenüberstehende Natur legt dessen Essenz frei und meinem Blick vor.

Menschen, bei Conrad, dem Schiffs- und Seeautor, immer Männer, in Bewährung vor den Kräften der Natur – in älteren Zeiten wären es Götter gewesen – zu beschreiben und auszuloten: das ist heute natürlich furchtbar altmodisch. Wahrscheinlich ist er auch deswegen in die Jugendbuchecke gerutscht, zumindest in Deutschland. Wohl weil Bücher, die Seemannschaften in exotischer Umgebung auf großer Windjammerfahrt schildern, und nicht die polyamoren Verstrickt- und Verrücktheiten Kreuzberger Twentysomethings zum Thema haben, manchen Zeitzellengenossen als weder relevant noch unterhaltsam gelten. Dabei sind Conrads Bücher beides: Wunderschön geschriebene Vivisektionen von ewiger Gültigkeit.

Conrad lässt keine Zweifel am völligen Desinteresse der Natur gegenüber unserem Dasein, nimmt jede Hoffnung auf einen höheren Sinn. Allein die Mannschaft, die in der schlagenden Fock dem Sturm Schrei um Schrei zurückgibt, ist in diesem Moment sinnvoll. Ideen, die längst exotisch und auch ein bisschen gefährlich klingen; als könnte ihnen jederzeit ein „wir müssen wieder stolz sein auf unsere Weltkriegssoldaten“-Gaulandismus entspringen. Aber darum geht es nicht. Es geht darum:

Die schamlose Gleichgültigkeit der See gegen menschliches Leid und menschliche Tapferkeit offenbarte sich in dieser lächerlichen, panikerfüllten Szene, zu der sie neun tüchtige und ehrenwehrte Seeleute in grauenhafter, äußerster Not getrieben hatte, und das empörte mich. Ich erkannte, dass die See selbst in ihrer zärtlichsten Stimmung nicht ohne Falsch ist. Sie war nun einmal so, weil sie sich nicht ändern konnte, aber meine scheue Ehrfurcht von einst war dahin. Ich war jetzt soweit, dass ich über ihre bezaubernde Anmut bitter lächeln und mit einem starren Blick boshaft ihren Rasereien zusehen konnte. In diesem Moment, bevor wir ablegten, überblickte ich leidenschaftslos das Leben meiner Wahl. Seine Illusionen waren verschwunden, aber sein Reiz blieb. Ich war endlich Seemann geworden.

Coming of age, nur besser.

„…die See, die mit Männern ihr Spiel treibt, bis ihnen das Herz bricht, und die starke Schiffe zu Tode hetzt. Nichts vermag die unheilbrütende Grausamkeit ihrer Seele zu rühren. Sie steht allen offen und ist keinem treu. Sie übt ihren Zauber aus, um die Besten zugrunde zu richten. Es ist nicht gut, sie zu lieben. Sie kennt kein Gelöbnis und kein Versprechen, keine Treue im Unglück…“

Gut, hier hat er wohl über einige mir bekannte Damen geschrieben 😉

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