Jeder schön für sich

Es gibt da dieses Zitat, das wohl nicht von Ignazio Silone stammt. Und immer wieder von Leuten angebracht wird mit genau diesem Hinweis, nämlich, dass das Zitat wohl nicht von Silone stammt – sie es aber dennoch verwenden wollen, weil er es bestimmt so gesagt hätte. Auch wenn er’s nicht hat. Dann ist es also das Zitat der Leute, die wissen, dass es nicht von Silone ist.

Egal, es wird gern in Foren in diese Rechts-Links-Streitereien, die uns die französische Revolution eingebrockt hat, eingeworfen. Bevorzugt handelt es sich bei den Werfern natürlich um die Reaktionäre vom Dienst. Also, was sagen die? „Wenn der Faschismus wiederkehrt, wird er nicht sagen: ‚Ich bin der Faschismus‘. Nein, er wird sagen: ‚Ich bin der Antifaschismus‘.“ Ob der alte Italiener das gesagt hat, wer weiß es, sein Biograf behauptet es, alles weitere in Wikipedia.

Diese Sentenz ging mir durch den Kopf und verließ ihn auch so schnell nicht mehr, als ich in der FAZ einen Artikel über Kulturelle Aneignung und die bösen Folgen, die solches im ungünstigen Fall zeitigen kann, las. In den Fachorganen wird es als cultural appropriation bezeichnet; natürlich in der Sprache Shakespeares, denn die Idee kommt aus dem großen Meltingpot, der nicht so schön verschmilzt und der big salad bowl, in der die diversen Gemüse nicht mehr so flüssig im gemeinsamen Dressing ihre Aromen vereinigen. Also den USA, wo man anscheinend immer unwilliger citizen, dafür um so eifriger Mitglied irgendeiner community ist. Die Retribalisierung ist in vollem Gange und wehe dem, der nicht rechtzeitig seine Horde gefunden hat, wenn es ans Gesetzmachen und Geldverteilen geht. Der Staatsbürger, die Staatsbürgerin, also die Staatsbürgernden, gelten nichts oder doch: immer weniger. Das Gemeinsame, so schön definiert und klassiert und kodifiziert von liberalen Philosophen im 19. Jahrhundert (weiße, alte Männer, ja, ich weiß) verschwindet hinter dem Trennenden.

Europa soll zusammenwachsen, aber schon im Stadtviertel breitet sich eine bottom-up-Segregation aus; jede Kultur, auch die kleine Schwester Subkultur, stellt sich aus, jeder soll sie nicht nur tolerieren, sondern bitte aus respektieren, besser noch adorieren. Wehe es kommt Kritik oder es wird gar Gelächter geerntet. Und wehe, ein Stammesfremder findet an Teilen dieser Konstruktion, die sich Kultur nennt, etwas ihm Wohlgefallendes und übernimmt es. Früher hieß es, die ehrlichste Bewunderung ist die Nachahmung, heute ist es irgendwie unterdrückend, Herrschaftsverhältnisse reproduzierend, festigend und so weiter ad infinitum.

Weiße, die Indianerkluft tragen, Schwarze, die indische Tänzerinnen imitieren, Heteros, die schwule Codes (nebliger Jargon, früher meinte ich, Codes hüteten die geldschrankgesicherten Juwelen reicher Pinkel, heute ist jeder Riss in der Jeans ein subkultureller Code, was für eine Abstieg des Geheimnisses) am Körper tragen usw. Alle unterdrücken sie, räubern das, was anderen gehört und ihnen nicht. Kurz und knapp: Sich kleiden, tanzen, essen und singen und reden darf man nur gemäß der Regeln jener Gemeinschaft, in die man eingeboren wurde. Kann man ruhig Blutsgemeinschaft nennen, denn wenn es nach Geburt geht, ist es genau das. Und als ich das so dachte, kam mir eine Sentenz in den Sinn, die ganz bestimmt nicht von Silone ist: „Wenn der Rassismus zurückkehrt, wird er nicht sagen, er sei der Rassismus. Er wird sagen: ‚Ich bin der Antirassismus‘.“

Im modernen kulturlinken Denken, diesem gewaltigen Universum, in dem critical-whitness-Galaxien ebenso zu Hause sind wie die gender-studies-Haufen oder cultural-studies-Nebel und was der studies da mehr sind, kenne ich mich kaum aus, meine Sternenkarte ist überwiegend dunkel und mit Kaffeeflecken übersät. Aber zumindest in einem meinte ich sicher zu sein: Rasse ist Konstrukt, Religion und Kultur sind es sowieso; das ist uralter Linker Stoff, sozusagen Teil der linken Hostie. Diese Nachtmahre des Denkens aufzulösen, das sei der Weg zu Freiheit. Und nun? Werden diese Konstrukte, diese Fata Morganen plötzlich wieder von der kritisierten Kategorie zum dogmatischen Kriterium befördert. Rasse ist Konstrukt, aber ein Weißer darf nicht mehr über patriarchalische Heiratsbräuche im Sudan sprechen? Wenn die Hautfarbe das Kriterium für Kritikerlaubnis ist, dann reinstitutionalisiert man das Rassenkonstrukt mit Macht, und, so ahne ich, auch mit Lust. Eine schwarze Sängerin darf nicht mehr in indischen Kleidern tanzen? Warum – weil sie nicht indisch, eben weil sie schwarz ist. Kann sie sich zur Inderin erklären? Und wenn ja, zu welcher denn? Der Unberührbaren aus dem Punjab, oder einer Brahmanin vom unteren Ganges? Diese lauten pressure groups, allesamt um identities geschart wie Truppen um das heilige Feldzeichen, bringen das „wir und ihr“ laut in einst liberale Gefilde zurück. Im Grunde ist die emanzipatorische Linke hier auf konservative, ja reaktionäre Fallensteller reingefallen, die feste Zuschreibungen lieben und zum Standard machen wollen. Naja, es wäre nicht das erste Mal, sollten sich die Fortschrittler als besonders naiv entpuppen. Wie schrieb Haffner dereinst so schön zynisch:

Die ‚Linken‘, überschlau und daher im Ergebnis fast noch dümmer als die ‚Nationalen‘ (wie immer), hielten es für eine großartige Erfindung, daß von nun an die kriegerischen Instinkte auf dem friedlichen grünen Rasen mit Rennen und Freiübungen ‚abreagiert‘ würden, und sahen den Weltfrieden als gesichert. Es fiel ihnen nicht auf, daß die ‚deutschen Meister‘ sich ausnahmslos schwarz-weiß-rote Schleifchen ansteckten, obwohl die Reichsfarben schon damals schwarz-rot-gold waren.

Da ist man selbstzufrieden links und der Befreiung des Menschengeschlechts zugetan, und applaudiert dann arglos jenen Stammesschamanen, die genau darauf achten, dass der Federschmuck der eigenen Leute nicht von den anderen getragen wird. Und was lehrt uns das? Wahrscheinlich, dass Silone es so gesagt hat. Er war ja nicht blöde.

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