Fragebögen und Leugner

„Der Holocaust ist von den Pionieren des Zionismus erfunden und finanziert worden,“ stellt, in seltsam widersprüchlicher Logik, ein gewisser Laurent Louis fest; seines Zeichens Wirrkopf belgischer Provenienz und mir allein bekannt, da die Tage vermeldet wurde, ein belgisches Gericht habe ihn zum Besuch von fünf KZ-Gedenkstätten verurteilt. Dort solle er, einem tunichtguten Schüler gleich, seine Gefühle in Form kurzer („50 Zeilen…“) Aufsätze dokumentieren. Ob das hilft, bleibt zweifelhaft.

Den Holocaust zu leugnen bleibt wenig verbreitetes Hobby, eine Art Orchideenfach für rechte Verschwörungsenthusiasten. Wesentlich verbreiteter ist der selbstschützende Ansatz, gemäß dem der Ottonormaldeutsche ja von nichts gewusst und geahnt haben könne – NSDAP und deren bewaffneter Arm mit den SS-Runen am Ärmelaufschlag hätten, quasi hinter dem gebeugten Rücken des Volkes, die Juden, gegen die man ja gar nichts hatte, hinterrücks ermordet. Diese Erklärung war natürlich schon immer Quatsch. Man hat Auschwitz und den Endlösungskomplex zwar nicht in der Wochenschau vorgeführt bekommen, aber der Mensch kann zwei und zwei zusammenzählen. Evidenz für diese Zählweise floss mir nun ausgerechnet aus einer Quelle zu, von der ich es am allerwenigsten erwartet hätte.

Ernst v. Salomon war ein völkisch putschender Intellektuellenlandsknecht mit Baltenkreuz am Revers, wie ihn sich Gauland nicht besser wünschen könnte. Dennoch – und hier kommt der linksliberale Zeitgenosse ins Unreine mit sich – war er kein Nazi. Hr. v. Salomon war in den Neunzehnhundertzwanzigern eine Person von zeitgeschichtlichem Interesse; einer der Geschichte mitmachte und darüber schrieb. Er war Fluchtwagenfahrer für die Rathenaumörder, Freikorpsler und völkischer Verschwörer. Ein Produkt des Herbstes 1918 und des Frühjahrs 1919, ein Nationalrevolutionär. Und wie jeder Revolutionär beseelt von dem Wahn, einer geschichtlichen Notwendig- oder Überfälligkeit Recht und Realität zu verschaffen.

Über die Zwanziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts kann man kaum genug erfahren und – welche Quellen gibt’s sonst noch? – erlesen. Das vor 1914 scheinbar auf die Ewigkeit angelegte lange neunzehnte Jahrhundert war in den Blutmühlen der Fronten mit seinen Söhnen und Idealen zermahlen worden. Grausamkeiten wurden begangen, die zuvor unvorstellbar waren; heilige Grundsätze des Gesellschaft, des comme il faut gingen über Bord, wenn sie den Kriegsanstrengungen im Wege standen. Das Bild vom Menschen, vom Mann, von der Frau, von ihren künstlerischen und alltäglichen Emanationen zerbrach und suchte nach neuen Formen – es standen viele bereit, diese Form zu suchen und zu geben. Wie änderte sich allein das Bild des Soldaten – 1914 das Operetten- und Postkartenillusorum des schnauzbärtigen, feschen Leutnants im bunten Rock, ein guter Tänzer, Freund der Frauen, mit jungenhaften, runden Gesichtszügen. 1918 tritt dem der hagere, nach Schlamm und Sprengstoff riechende Grabenkrieger entgegen, mit einem Gesicht wie aus Holz geschnitzt. Barlachfiguren kommen in den Sinn. Tanzen kann der nur im Graben, mit der abgezogenen Handgranate in der Faust.

In den Zwanzigern suchten sie, Linke und Rechte, diese neuen Wesen mit Bestimmung zu erfüllen, sie im Sinne des Wortes gesellschaftsfähig zu machen. Salomon trieb sich dabei bei den rechten Sinngebern herum. Nach dem Krieg, dem Zweiten, legten ihm die Amerikaner einen Fragebogen vor. Ihn und die übrigen Deutschen galt es gemäß der hier gegebenen Antworten einzustufen – in Hauptschuldige, Belastete, Minderbelastete, Mitläufer und Entlastete. Ernst, alter Fehmemörder und sich keiner Schuld bewusst, setzte seine Antworten in einem Buch zusammen, zu einer rechtfertigenden Lebensgeschichte. Sie kam gut an bei den deutschen Lesern, denn rechtfertigende Lebensgeschichten waren dringend nötig. Das Buch trägt den Titel „Der Fragebogen“ und wurde, ich glaube von Hannah Arendt, als eines der kältesten aller Rechtfertigungswerke bezeichnet. Kein Wort der Scham, der Schuld, der Gewissensnot. Dafür aber gut geschriebene, sarkastische bis zynische Darlegungen der Gründe und Ideen, auf denen die rechte Reichshälfte vor allem in den Zwanzigern fußte und gedieh. Ein bisschen erinnert das bisweilen an im Nachhinein indignierte Parteigänger des Stalinismus. Grundsätzlich seien die Ideen ja so schlecht nicht gewesen, meint Salomon. Nur sei dann alles bedauerlich aus dem Ruder gelaufen. Schade, sehr schade. Aber nun Schwamm drüber!

Inwieweit Salomon sich seine Erinnerungen zurechtdreht, kann ich nicht beurteilen. Hier blickt jedenfalls ein nationalrevolutionär Gestimmter auf die niemals feste, immer zum Sturz und Zusammenbruch bereite Weimarer Zeit und deutlich wird, dass – wie auf der linken Seite – eine unüberschaubare Zahl sektierender Kleinst-Kampfdenkgruppen über Wege jenseits der Demokratie, des Kapitalismus, der mithin bürgerlichen Welt sinnierte. Da war ein Professor in Wien, einer in Breslau oder Königsberg, ein Verleger in Emden; und um diese sammelten sich Grüppchen von zwanzig Mann, mit leuchtenden Augen und noch vollen Haarschöpfen. Aktivisten, Flugblattdrucker, bei Gelegenheit Saalschläger und Bombenwerfer; viele Front- und Bürgerkriegsveteranen, obwohl keine zwanzig Jahre alt.

Das Buch ist interessant, bisweilen lustig. Salomon geht dann den Schritt ganz hinüber zu den Hitlergetreuen nicht. Seine Frau ist Jüdin, er verlässt sie nicht, sondern bietet ihr mit dem Renommee des Rathenaumördergehilfen dürftigen Schutz. Aber er tut auch nichts gegen die Gesandten des Tausendjährigen Reichs. Es wird wohl das Meiste dieser Zeit bejaht haben. Und dann findet sich ausgerechnet in diesem Buch, es wurde 1946 geschrieben, ist also auch Zeitdokument, ein Abschnitt, welcher der Idee, der gemeine Feld-, Wald- und Wiesendeutsche habe ja nichts vom Massenmorden im Osten ahnen können, den Grund entzieht.

Salomon versteckt sich im Frühjahr 1945 mit seiner Frau in einem kleinen bayrischen Dörfchen, an der Autobahn gelegen. Die Wehrmachtskolonnen rollen geschlagen zurück. Die Truppen, gar nicht mehr von fanatischem Widerstandswillen erfüllt, suchen Druckposten, und Salomon, zusammen mit einem Hauptmann eine Art Ortskommandanturrat bildend, verteilt großzügig Entlassungsdokumente, beglaubigt mit gefälschten Stempeln. Da taucht inmitten der sich auflösenden Einheiten ein SS-Obersturmführer auf, begleitet von zwei Trabanten. Salomon beschreibt das Dreigestirn als archetypisch: Baumlang, blond, mit gefährlich lächelnden, weißen Zähnen. Schöne, böse Menschen. Der Offizier hat nichts Eiligeres zu tun als Mann und Maus im Ort für den Endkampf in Stellung zu bringen. Doch Salomon und sein vernünftiger Hauptmann machen ihm einen Strich durch die Heldenrechnung und sabotieren seine Pläne. Zumindest stellt Salomon das so dar – er hätte, so schreibt der Balitkumkämpfer treuherzig, die Vernichtung des Ortes durch US-Air Force verhindern wollen. Denn die würde ja, beim leisesten Zeichen des Widerstandes, Ortschaften sofort planieren. Jaja, an den Amerikanern lässt der Autor auch später kein gutes Haar, während er es spielend fertig bringt ehemalige Nazistatthalter, den netten Herrn Ludin etwa, als gescheiterte Romantiker in Szene zu setzen. Wie dem auch sei, irgendwann erscheinen dann die amerikanischen Panzerspitzen am Horizont. Selbst die SS verabschiedet sich nun schnellstens in zivile Leben. Der SS-Offizier erscheint in Unterwäsche in Salomons Büro und erwartet, von diesem aus dem Dienst ausgestempelt zu werden – aus der Wehrmacht, nicht der SS. Das liest sich so: Salomon rät dem SS-Mann, sich davonzumachen. Worauf dieser erwidert:

„Will ich ja, will ich ja auch, Liebling, aber dazu brauche ich ein Papierchen, wissen Sie, Herr Knoblauch, so eins, wo drin steht, daß ich aus der Wehrmacht entlassen bin! Aus der Wehrmacht, nicht aus der Waffen-SS. Aus der Formation des bekannten Hauptmann Meerrettich.“ […] Ich schrieb, er schaute aufmerksam zu. Ich sagte aufblickend: „Sie heißen Schufterle, verstanden?“ Er sagte: „Sehr gut, Schiller ist immer gut! Aber warum denn nicht gleicht Moor?“ Ich fragte: „Karl oder Franz?“ Er sagte: „Franz natürlich! Franz heißt die Kanaille.“ Ich schrieb. Er lächelte, er sagte: „Das nennt man glühende Kohlen auf des Feindes Haupt sammeln! Altes Testament, wenn ich nicht irre. Dolles Volk, die Juden!“ Ich gab ihm das Papier. Ich sagte: „Ihr habt sie ausgerottet!“ Er wedelte mir mit dem Papier vor der Nase und sagte: „Nicht alle, Knobläuchchen, nicht alle, ein paar sind noch übrig, damit wir nicht satt und müde werden! Auf Wiedersehen, Liebling!“ Ich sagte: „Hoffentlich nicht!“ Er sagte: „Doch bestimmt! Das spür ich direkt im Urin!“ Er nickte mir noch einmal fröhlich zu und ging.

Vielleicht war anno 46, als er das schrieb, auch die Vorstellung lachhaft, man könne, indem man Unwissen in Sachen Holocaust vorschütze, davonkommen.

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