Das goldene Haus von Samarkand

Wir zwölfjährigen Jungs scharten uns im engen Halbkreis zusammen; Schulter an Schulter, die Rücken schirmten einer Wand gleich unsere Geheimnisse von der Außenwelt. Diese bestand im konkreten Fall aus den übrigen Besuchern der szenegebenden Bahnhofsbuchhandlung, womöglich auch unseren Lehrern, deren Blicken und Verweisen es wie üblich zu entgehen galt. Denn wir waren auf Klassenfahrt und warteten am Bahnhof der großen Stadt auf irgendeinen Zug, der uns ins Nirgendwo eines Landschulheims verfrachten sollte. In der mit dem üblichen Schund reichlich angefüllten Bücherbude verbrachten wir bestens unterhalten die Wartezeit. Doch nicht die im Schaufenster drapierten Landserabenteuer oder Cowboyheldentaten hatten es uns angetan, sondern ein mindestens zwei zwölfjährige Jungshöhen langes Regal, angefüllt mit Comics – eine Auswahl, die wir bis dahin noch nicht gesehen hatten. Wir kannten eigentlich nur Asterix oder Disney, vielleicht noch die Abrafaxe. Damit war das Sortiment der kleinen, am Markt meiner Heimatstadt gelegenen Buchhandlung im Bereich der gezeichneten Kinder- und Jugendliteratur auch schon erschöpft. Hier nun, in der großen Stadt, entdeckten wir mit summendem Magen, dass es nicht nur Comics, sondern auch Comix gibt – was für ein Fund. Wir waren auf eine Heftserie mit dem andeutungsweise sprechenden, seiner Heldin Namen „Sandra Bodyshelly“ tragenden Titel gestoßen. Diese war als abenteuernde Vampirin angelegt, erlebte also allerlei Fährnisse usw. Diese albernen Storyelemente des Softpornos hielten uns selbstredend nicht einen Wimpernschlag von der Konzentration aufs Wesentliche ab – die Hauptdarstellerin war als Amazone von pneumatischer Gestalt gezeichnet, desgleichen ihre ebenfalls meist leicht- oder unbekleideten Gefährtinnen. Mit wahrer, edler Hingabe in die Betrachtung des Kunstwerks vertieft und somit den Geschehnissen um uns sinnlich entzogen, wurden wir von der misstrauisch gewordenen Landeninhaberin beim Konsum des Schmutzes auf frischer Tat ertappt und mit rüden Worten auseinandergetrieben. Ich nehme an, dass wir nicht der erste Haufen frühpubertierender Jungs mit großem Interesse an den Erlebnissen von Ms Bodyshelly gewesen waren. Wir trollten uns. Ich wollte noch nicht ganz von den Comics lassen, ging aber wohlweislich und Ärger vermeidend ans andere, sex-negative Ende des Regals. Dort traf ich ihn, oder wir uns. Wenn Bücher Phantasie nicht nur befriedigen, sondern ungeahnt erweitern, mit Treibstoff versorgen, mit Luft und Feuer – man verzeihe das Pathos – dann sind es Bücher, die mir wertvoll werden wie lieben Menschen.

Vom Cover begegnete mir aus verhangenen Augen der Blick eines Mannes. Lässig strahlt er Abenteuer, Gefahr und Selbstsicherheit aus. Die Kapitänsmütze knittert auf dem Kopf, die Kippe glüht im Mundwinkel, der Mantel faltet sich auf über weißem Hemd; hinter ihm wachsen die Schemen bolschewistischer Revolutionäre aus dem Boden. Bajonette ragen aus ihren Reihen. Das Cover ist als Aquarell ausgeführt, Menschen und Himmel sind in Schwarz und Grau gehalten, verschwimmen zu schweren Massen, wenige grobe Linien scheiden die Körper voneinander. Darüber, in grellem Gelb, der Name des coolen Kapitäns: Corto Maltese. Darunter, in weißer Comicschrift: DAS GOLDENE HAUS VON SAMARKAND. Von Hugo Pratt. Ich glaube nicht, dass ich zuvor solch ein Cover gesehen hatte. Die sauber kolorierten Barks-Bilder der Duck-Comics oder der widerständigen Gallier waren mir vertraut. Was ich hier sah, war völlig fremd, sogar grob und wenig einnehmend. Gar kein schön gezeichnetes Bild, nicht detail- und wimmelreich und akkurat. So wie Comics doch eigentlich zu sein hatten. Aber ich griff zu.

Da schlug ich die Seiten auf und wurde konfrontiert – hier ergibt dieses Wort wirklich Sinn für mich – mit Bildern einer für mich völlig neuen Art. Flächig, schattig, grob und reduziert. Zuerst war ich enttäuscht. Wie kann jemand so schlecht zeichnen und Comics herausbringen, dachte ich. Aber das Thema, die Schatzsuche im bürgerkriegsverheerten Kleinasien, Kaukasus und Zentralasien zu Beginn der 1920er, fesselte mich. Und langsam bemerkte ich, dass Pratts Bilder in ihrer scheinbaren Einfachheit alles sagten – jeder weitere Strich hätte ihnen nicht einen sinnvollen Begriff hinzufügen können. Was fehlte – das ergänzte mein Geist, mein Träumen. Pratt hat Traumsequenzen erschaffen. Immer wieder.

Aus den Träumen riss mich der Zugfahrplan. Wir mussten los; Geld das Buch zu kaufen hatte ich nicht. Corto Maltese verschwand in meiner Erinnerung, für Jahre. Wahrscheinlich dachte ich später öfter an die sexbombige Vampirin als an den Kapitän ohne Schiff.

Aber hin und wieder erinnerte ich mich an diesen eigenartigen Comic, in dem aus wenigen Linien, viel Schatten und wenig Licht bestehende Charaktere durch abweisende Landschaften zogen; unter Himmeln hinweg, die den Schrecken der Erde widerspiegelten. Da seitenweise geschwiegen und keine Sprechblase ins Bild geschoben wurde. Wo der reale Massenmord an den Armeniern die Handlung vorantrieb und Enver Pascha im tiefsten, einsamsten Tadschikistan den verdienten Tod durch die Kugel findet. In dem heitere Melancholie die Blicke des Helden verklärt. Das ist eskapistische Romantik, und es ist gut so. Jetzt liegt es wieder einmal neben mir, dieses Buch, das mich gelehrt hat, das Comics keine Hefte sein müssen. Und das man mit einer Farbe und schwarzer Tusche der Gestalt eines sowjetischen Kommissars mehr Inhalt verleihen kann, als dieser im Leben vielleicht je hätte haben können. Dass man Freunde aus Folterkellern befreit, Schätze suchen muss und Gedichte auswendig lernt. Dass der Tod sich uns durch die Begegnung mit unserem Doppelgänger ankündigt.

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