Witiko & Only God Forgives

Der Witiko, tja – er reitet auf einen Berg hinauf und dann wieder hinab, durchquert ein Tal von Westen her kommend, verschwindet hinter einem grauen Felsen und kommt wieder hervor; trägt ein grünes Wams, braune Stiefel und… Das Buch Stifters gilt als schwere, nur mühselig zu bewältigende Literatur. Die meisten lassen die Finger davon, zumal heutzutage. Ich – nun ich muss gestehen, dass mich die Lektüre dieses als nervtötend zäh verschrieenen Textes fesselte. Die einförmige Stetigkeit des Erzählflusses, der wie ein ruhiger, stiller Strom dahingleitet in einem breiten, sandigen Bett, wirkte auf mich geradezu meditativ. Ein bisschen gleicht das Lesen des Witikos dem sommernachmittäglichen Betrachten der Wolken von einem grünen Hügel herab, über den ein leichter Wind die warme Luft hinwegkämmt – nichts geschieht, aber es soll auch nichts geschehen. Formen entfalten sich den Sinnen, ohne Sinn zu ergeben, aber das müssen sie auch nicht. So wirkte auf mich der Witiko, eher eine Gebetsmühle als eine Geschichte, statisch wie ein Fels, in dessen Betrachtung der Mönch versinken kann. Ehrlich gesagt, weiß ich bis heute nicht genau, ob es das war, was mich an diesem objektiv ereignislosen und unglaublich sperrig geschriebenen Text fasziniert hat. Die Sperrigkeit der Sprache, ihre Exaktheit, in der sie enervierend penibel wieder und wieder die gleichen Handlungen beschreibt, erinnert an eine technische Gebrauchsanweisung oder an eine Programmiersprache, in welcher der tumben Maschine Aufgaben aufgetragen werden. Wenn, dann, sonst, wiederhole. Vielleicht bin ich ja ein Fetischist, und mein Fetisch sind Gebrauchsanweisungen, nur weiß ich’s noch nicht? Wie dem auch sei, Stifter hat ein textliches Experiment unternommen und manche hassen es, wenige lieben es, ich mag es.

„Ich habe dieser Tage das Gewand angelegt, das ich hatte, als ich dich zum ersten Male sah“, sprach Witiko.
„Ich dachte es“, antwortete Bertha.
„Ich habe die rote Rose auf dem weißen Schilde deinetwegen in den Kampf getragen“, sagte Witiko.
„Ich wußte es“, entgegnete Bertha.
„Und ich kann hier nur weilen, bis die Sonne des Morgens scheint, dann muss ich wieder fort“, sagte Witiko.
„Ich weiß es“, antwortete Bertha.
„Du weißt es?“ fragte Witiko.
„Ja, ich weiß es“, sagte sie, und lasse uns schnell zu den Eltern gehen.“
Sie wendeten sich. …

Ähnlich binär liegen die Urteile über Only God Forgives. Man hasst den Film oder liebt ihn. Ähnlich wie im Witiko geschieht wenig, ist die Sprache nutzlos. Ist das Symbol des Bildes, des Klangs die Erzählung. Die meisten Leute die ich kenne und die den Film kennen sind von Refns Sünde- und Racheparabel wenig angetan. Sie hatten ein zweites Drive erwartet, stattdessen gab es eine absurde, artifizielle Schlachtplatte à la Walhalla Rising: Wortarm, symbolüberfrachtet, handlungsverlassen und ultrabrutal, überwabbert von einem Murnaussoundtrack. Ich liebe diesen Film und im Unterschied zum Witiko weiß ich auch, warum ich so empfinde. Eben weil er so wortkarg, so symbolbeladen, so handlungsarm ist, weil ein krachender Stahlsound über der rotleuchtenden Tropenmetropole hämmert.

Vielleicht erklärt sich mein Zugetansein zu diesem Streifen auch durch die Umstände meines Erstkontakts mit ihm. An irgendeinem winterlich düsteren Abend lag ich, erschöpft vom Tagwerk, ermattet auf meinem Bett und beschloss, mindestens eine Flasche Rotwein zu leeren – einfach so, weil hin und wieder ein gepflegter Rausch in trauter Zweisamkeit mit sich selbst zum Leben gehören sollte. Dazu galt es Begleitbilder und Begleitmusik auszuwählen. Mein Online-Versoger bot mir den Refnfilm und ich schaltete ein. Ich war schon in jener höchst angenehmen, sorgenfahrenlassenden Seligkeit, als die ersten Bilder über den Schirm huschten. Rote Ölbilder, blaue Tuschezeichnungen, grüne Technicolorschinken, gelbe Aquarelle. Ich war in einer Verfassung, in der jeder komplexe oder scheinkomplexe Story – meist wird einem ja letzteres geliefert – mich schlicht überfordert und traurig gemacht hätte. Doch hier gab es vielleicht drei oder vier Handlungsmomente im ganzen Film, das übrige waren nächtliche Kamerafahrten durch die neonbunten Straßen Bangkoks, durch Clubs und Lagerhäuser, durch blitzende und blinkende Karaokebars. Gott oder ein Engel rächt die Untaten, der Teufel treibt sein Spiel, der Sünder sündigt und nimmt Gottes erlösende Strafe entgegen. Hin und wieder singt Gott oder der Engel Karaoke, und der sündige Mensch blickt, hoffnungsloses Geschöpf, leer in einen Spiegel. Fin. Ein großartiger Film, aber wahrscheinlich nur auf Rotwein oder Dope zu empfehlen, sicher können auch Gin oder Whiskey gereicht werden, Opium überlasse ich anderen.

Vielleicht führt noch ein Weiteres beides zusammen, das Buch Adalbert Stifters aus der Mitte des 19. Jahrhunderts, geschrieben in einem Land, das es nicht mehr gibt, und den Artfilm des Milleniumsregisseurs. Beides sind Märchen, auf jeden Fall keine Geschichten, die irgendwo einen Menschen enthalten. Hier spricht kein Mensch, hier handelt keiner und hier denkt keiner. Ich mag menschenfreie Geschichten. Hin und wieder zumindest. Menschen können sehr langweilig sein, und der Versuch, an ihre Stelle Dämonen, Götter oder Ideen in menschlicher Gestalt zu setzen ist sehr verlockend und künstlerisch sehr ergiebig. Nur Politik sollte man nach diesem Konzept nicht machen.

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