Das Lied von Eis und Feuer

Vor ein paar Jahren warf mich eine frühsommerliche Erkältung auf die Bettstatt und damit in eine gewisse Langeweile. Nicht elend genug mich fühlend, als dass ich keine Gedanken hätte fassen können, aber auch nicht beweglich genug, mich ernsthaften Betrachtungen über Sinn und Sein – wie ich es ja permanent tue – hinzugeben, benötigte ich ein mentales Schmerzmittel. Da griff ich zum ersten Bande des Liedes von Eis und Feuer. Ich glaube, es war mein scifi- und fantasybegeisterter Chefe, der mich zu diesem Schritt bewogen hat. Wie dem auch sei, ich hatte mir also den ersten Band der deutschen Ausgabe – die Herren von Winterfell geheißen – zugelegt, und sah nun den Anlass als gegeben, endlich mit der Lektüre zu beginnen.

Um es kurz zu machen: Ich halte Martins Reihe für wunderbare Kolportage, handlungssatt, charakterüberfrachtet, fantastische Landschaften und Länder aufschließend. Was mag der ermattete Geist mehr verlangen? Wozu ich mich jedoch nicht durchringen kann, ist sie mit solch olympischen Attributen wie genial oder begnadet zu adeln; oder auch nur als hochkomplex zu bezeichnen. Es gibt die Tendenz, jedes mit sehr vielen Handlungsträgern ausgestattete Buch sofort als komplex zu bezeichnen. Anscheinend stellt die geistige Verwaltung von mehr als drei oder vier Hauptcharakteren manche Zeitgenossen schon an die Marken ihrer neuronalen Leistungsfähigkeit. Man verzeihe diesen arroganten und damit unsympathischen Spott. Aber Martins Lied vom Kampf um Westeros‘ Thron wird, weil sich der Erzählstrom in immer neue Nebenstränge verzweigt – manche davon patente Flüsse, andere nur in den Wüsten der Prosa versickernde Rinnsale – mir immer wieder als ein wer-weiß-was kompliziertes Stroygebilde verkauft. Nein, ist es nicht. Die angelegte Geschichte ist einfach in ihrem Lauf, aber – und hier zeigt sich Martin als erfahrener Autor mit gut geölten Routinen – mit wunderbaren, unterhaltsamen Manierismen verziert. Man steht davor wie vor jenen Bahnhöfen, Theatern, Gerichtsgebäuden des Historizismus, die allesamt profane Veranstaltungen zu umhüllen geschaffen waren. Das sind keine ideellen Weitwürfe, aber sie geben dem Auge Futter. Gehen Sie mal auf die Ringstraße oder ins schöne Paris und schauen Sie es sich an. Der Autor beschreibt etwa Gastgelage mit antiker Schilderungsfreude, benennt Speisen, Kleiderstoffe, Musik und das Holz der Tafel, an der man sitzt, beschreibt reihum Hintergründe und gibt der Welt wunderbare Tiefe. Alles hat Geschichte, ist Stand einer Entwicklung; Pappkulissen gibt es nicht. Und auch den Deus Ex Machina bemüht er zu Beginn der Saga selten.

Aber das ist halt das Problem literarischer Zuckerbäckerarchitektur: Mit der Zeit langweilen die ausladenden Beschreibungen, die Hintergründe vieler Dinge sind bekannt, das Staunen und Freuen ob schöner Einfälle wird selten und das Überblättern beginnt. Dann rächt sich, wenn die Handlung schwächelt – und das tut sie nach einigen Bänden. Die Geschichte rettet sich in immer neue Handlungen und Schauplätze. Da dem Leser damit wieder einmal terra incognita vorgelegt wird, kann, zumindest für kurze Zeit, wieder mit Neuigkeiten – neuen Charakteren und deren Vergangenheit, neuer Genealogie, Sitten, Gebräuchen usw. – vom eher trägen Geschehen abgelenkt werden. Den aktuellen Rand des Liedes – in Deutschland Band 10 – habe ich mehrfach angelesen. Aber hier fließt die Geschichte nun wirklich ziellos und zäh. Was mich in dem generellen Urteil bestärkt, dass Serien nach vier Staffeln beendet werden sollten. Und Buchreihen spätestens nach 3.500 Seiten.

Übrigens halte ich die Übersetzung sprechender Eigennamen ins Deutsche für sinnvoll. Nicht nur gemäß der theoretischen Rechtfertigung, in Westeros werde ja nicht Englisch, sondern die Gemeine Zunge gesprochen, daher Martin diese nur ins Englische übertragen habe. Das ist konsistente Argumentation, aber noch wichtiger scheint mir ganz einfach die stilistische Frage. Will man wirklich Sätze gedruckt sehen, die sich ähnlich wie dieser lesen müssten: „Brienne ritt, Oathkeeper an der Seite, durch das von Gold Cloaks bewachte Mudgate in Kingslanding ein, durchquerte Flea Bottom und wandte sich, als sie die Highstreet erreichte, in Richtung des Red Keep.“ Das kann doch keiner wollen!

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