Ilias, übertragen von Raoul Schrott

Was hat Herr Schrott an Prügel einstecken müssen für seine Übertragung – ich bin versucht, seine gelehrte Vermöbelung durch die Phalanx der Altphilologen, eine Homerimitatio mir anmaßend, als Schlachtgesang zu imaginieren:

„So schritt geschwind auf das Blachfeld, in schimmerndes Erz gekleidet – Raoul, des österreichischen Außenhandelsvertreters Sohn. Die freie Interpretation gefasst an eschenem Schaft, der, geschnitten aus den hoch aufragenden Bäumen des Thymosgebirges, weder bog noch brach; den lanzenzerspellenden Schild des Poststrukturalismus über die Schulter geworfen, trat er vor der Feinde Reihen, rief weithallend an zum Kampfe: Da trat Dr. Dräger vor…“

Offender, the Great

Damit soll das Elend nun auch ein Ende haben. Besagter Dräger und seine diversen Wagenlenker und Schildträger haben Schrott, oder besser dessen Übertragung, Nachdichtung oder – so meinen diese Kämpen – Verhunzung der großen Dichtung, jedenfalls übel zugerichtet.

Nun gut, ich besitze – besser gesagt: eigne – tatsächlich die legendäre vossche Übersetzung, sogar in jener, in bildungsbürgerlichen Feuchtgebieten erträumten Ausgabe, in der sich in Deutsch und Altgriechisch bedruckte Seiten im schönen Wechselspiel gegenüberstehen. Irgendeine – mir anscheinend missgünstig gestimmte – Verwandte, hatte mir den Band zu Jugendzeiten geschenkt. Sollte ihr Ziel gewesen sein, mir etwas maximal Nutzloses zu präsentieren, so hat sie es auf schnurgeradem Wege erreicht. Das klingt nun sehr bildungsfeindlich, und in den alten Tagen, als Männer Vatermörder und Frauen Korsetts trugen, hätte ich mich mit solch einer Haltung noch rechtschaffen unmöglich gemacht. Und mir das in strengem Tone gehaltene Attest eingefangen, ich lege die Axt an den prächtigen Stamm der abendländischen Zivilisation. Aber ich kann nur konstatieren: Voss ist unlesbar für einen im modernen – damit aber längst nicht verwahrlosten – Deutsch Sozialisierten.

Dazu noch jene kurze, kaum abschweifende Anekdote, mit der Paul Freedman eine seiner Vorlesungen zum Frühmittelalter, genauer gesagt: zu den Dark Ages, abschloss. Kaum abschweifend, da sie auf die Frage abzielt, ob die zunehmende Unkenntnis klassischer Texte ein authentischer Beweis des Zivilisationsverfalls sei. Freedmann erzählt also von Patrick Leigh Fermor, einem britischen Gentleman-Abenteurer, wie man ihn nicht besser erfinden könnte. Sohn eines Geologen, der, beruflich nach Indien gegangen, den Filius zum Besuch diverser public schools verpflichtet, die dieser nach jeweils kurzem Intermezzo aufgrund freigeistiger Anwandlungen wieder verlassen muss. Fermor junior wandert 1933 von London nach Konstantinopel, Horaz‘ Oden im Gepäck (und ein Oxoford Dictionary). Im Zweiten Weltkrieg operiert er als Schäfer getarnt auf Kreta, ist beteiligt an der Entführung des deutschen Generals Kreipe. Wochenlang marschieren sie mit dem Gefangenen durch die Berge. Eines Abends, am Feuer, spricht der Deutsche eine Phrase des Horaz in die Nacht hinein – und der Brite vollendet den Satz und fügt noch gleich zwei der folgenden Verse an. Ja, das war die Welt der europäischen Eliten, ob sie nun die King’s School in Canterbury oder das Gymnasium in Sondershausen besucht hatten. Freedman schließt die Anekdote wie folgt ab: „Well, that world is over.“

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Zugegeben – das Bild imaginiert Alexander, den Makdeonen. Aber schlief er nicht mit einer Abschrift der Ilias unter dem Kopfkissen – oder worauf immer man damals das Haupt bettete? Besuchte der blutrünstige, versoffene Romantiker nicht die Troas, bevor er mit dem Heer weiterzog, Kleinasien befreiend zu unterwerfen. Wollte er denn nicht Achilles sein – eine Achilleusimitatio, sein ganzes Leben.

Ja, diese Welt ist untergegangen – all ihren, noch immer auf den Befestigungen letzte Kämpfe ausfechtenden Verteidigern zum Trotz. Etwa der eingangs erwähnte Dr. Dräger: Dieser wirft Schrott vor, jener hätte den Homertext in die Kloake der gegenwärtigen Gossensprache getaucht; also verräterisch wider die hehren Gedanken des antiken Autors gewirkt. Und somit der Öffentlichkeit infamerweise ein falsches Bild der homerschen Dichtung gezeichnet. Armer Dräger, weiß er denn nicht, dass gut und gern die Hälfte der Zeitgenossen nicht einmal mit dem Begriff „Ilias“ etwas anzufangen wüsste? Dass von jenen, die das Wort in Beziehung zu setzten verstehen, 80 Prozent solches nur vermögen, da sie einmal etwas von jenem Historienschinken „Troy“ gehört haben? Dass die Zahl jener, welche die vossche oder schadewaldsche Übersetzung des Textes kennen, gelesen und verstanden haben vielleicht in die wenigen Zehntausend geht? Und wohl nur einige Hundert unserer Gegenwartler dem Epos im Altgriechischen gerecht zu werden vermögen? Dräger sollte froh sein, dass überhaupt wieder über die Ilias – ja, die Ilias, nicht „Troy“, auch nicht über die „Schönsten Sagen des Altertums“ von Schwab – gesprochen und gedacht wird. Da mag in der schrottschen Version Obergott Zeus seine Gedanken nicht immer hochsprachlich äußern, und – hier muss ich Dräger recht geben – da mögen im Original klar definierte Objekt-Subjekt-Beziehungen in eigenwilligem Schrottdeutsch etwas tohuwabohuisiert werden – das ist alles richtig und berechtigt zu kritisieren. Nur ist das drakonische Verdikt, das Dräger über die Arbeit Schrotts verhängt, vom Geiste gnadenloser Gerechtigkeit erfüllt; diese willfährig opfernd, um den Vergeltungsdurst zu stillen.

Meriones lief hinter ihm her, holte ihn ein und stach ihm den Speer von rechts in den Hintern, dass die Bronzespitze am Becken entlang glitt, so leicht wie durch Wasser, und ihm dabei die Harnblase zerschlitze. Aufschreiend sank er in die Knie – und wie Nebel, lag der Tod um ihn.

Und so arbeiteten sie in dieser bitteren Schlacht am Sterben.

Was ist denn nun zu sagen zum Hörbuch, gesprochen vom großartigen Manfred Zapatka? Nun, ich fühlte mich bestens unterhalten. Ist das eigentlich zulässig, bei solch einem Stoff, dem mithin literarischen Gründungsdokument der westlichen Welt? Natürlich, wann lernt und denkt der Menschen denn besser als dann, wenn er sich auch wohl fühlt. Ganz Mensch, wenn er spielt und so weiter. Zaptka spricht wunderbar, scheut sich nicht, den emotionalen Ausnahmezustand, in dem sich die Protagonisten aus Sicht des Postmodernen permanent befinden, zu erzählen. Diesen Charakteren, durch keine christliche Übung und Erziehung gemäßigt oder ge-demütigt, leiht der Erzähler Stimme und Gefühl: Ihrem Zorn, der grenzenlos ist, ihrem Stolz, der hochfahrend ist, ihrer Tapferkeit, die an Wahnsinn grenzt, ihrer Trauer, die in Tränen erstickt, ihrer Ruhmsucht, die an Arroganz den Göttern kaum nachsteht (Ja, selbst den Unsterblichen ordnen sie sich nur widerwillig unter). Das reißt mich mit. Etwa die Ratszene gleich zu Beginn der Dichtung, da Achilles dem Agamemnon, ohne mit der Wimper zu zucken, von Falschheit über Faulheit bis Feigheit alles vorwirft, was an Beleidigungen nur auffindbar war. Diese ungebrochene, sich allein zum Kriterium der Welt machende Selbstbewertung verführt mich, den modernden, gezähmten Menschen – ich gebe es zu. Wer möchte nicht einmal Achilles sein? Nicht der Blutverspritzende, nein, vielmehr der Archetyp des Aristokraten, der nichts und niemanden über sich duldet, der jede Kränkung, jede Herabsetzung, jede Zumutung in der Welt sofort mit Zorn, dem aderschwellenden beantwortet. Wie anders sind wir doch – Kränkungen mit offenem Zorn, gar tränengenetztem, zu begegnen, gilt uns heute als kindlich und kindisch. Man sucht nach dem kommunikativen Fehler – denn, so der Glaube, allein daraus ergibt sich der Dissens – ist moderierend lösungsorientiert konditioniert. Das ist natürlich die Essenz der Zivilisation – wer möchte sie ernsthaft missen? Aber zu hören, wie da Männer, Heroen, die immer die Ersten und Besten und Stärksten sein müssen, von keiner Macht eingehegt streiten und kämpfen, hassen und heulen – nun, das reißt mit. Die Ilias leuchtet die Grenzen menschlichen Hochmuts aus – lässt ihn aber keineswegs unkommentiert. Sie feiert jenen zwar, als Zeichen des Heros. Doch wer die Grenzen überschreitet, der fällt der Rache der Götter anheim. Achilles schändet Hektors Leichnam – damit hat er das Urteil über sich selbst gesprochen. Und er weiß es – dieses Bewusstsein erzieht ihn. Sein hochmütiger Geist bricht vor dem, um den Leichnam Hektors bittenden Priamos – und Achilles übt Barmherzigkeit. Die Götter, deren Gesetze er als Leichenschänder gebrochen hat, werden nicht barmherzig sein. Und der Held ist im Reinen damit. So ist die Welt. Vielleicht verschönert ein archaisches Lächen sein Gesicht, während er solches denkt?

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