Toter, weißer Mann – Unpopuläre Betrachtungen

Das liberale Glaubensbekenntnis äußert sich in der Praxis im Prinzip des Leben-und-Leben-Lassens, als Toleranz und Freiheit, soweit es die öffentliche Ordnung zulässt, als Mäßigung und Meidung von Fanatismus in politischen Programmen.

Damals war es unpopulär, heute ist es das noch mehr.

Der echte Liberale sagt nicht: ‚Dies ist die Warheit‘, sondern: ‚Ich neige zu der Ansicht, dass unter den gegenwärtigen Umständen diese Meinung wahrscheinlich die beste ist‘

Das kann man ja mal versuchen, in der Talkshow, im Forum, in den Kommentarspalten. Hoffnung, dass dies mehrheits-, auch nur tragfähig sein könnte, war nie. Der Wissende gewinnt den Redestreit, nicht der Zweifler. Die Dogmen wurden zwar seit den 1950er, als die Unpopulären Betrachtungen erschienen, ausgetauscht oder haben sich gewandelt, was weiß ich. Aber sie sind da, so unhinterfragt wie immer.

Russell verkörperte eine jener Chancen des Denkens, wie sie sich der Menschheit hin und wieder offenbaren. Sokrates war so eine (nicht Plato, der alte Verhexer), Spinoza eine andere (nicht Hegel, der alte Schwurbler und Vorbild für alle späteren Scheißelaberer, die das Gros der Denkerwelt ausmachen), vielleicht auch Camus, aber sicher nicht Sartre, der „Ich habe keine politischen Gefangenen gesehen.“-Stalin-den-Arsch-Auslecker (Was man einem Berti Vogts noch mit einem Facepalm durchgehen lassen könnte, geht beim Obergroßkotzdenker nicht durch.)

Russel, der Analytiker, Empiriker, Humanist, Pazifist und Liberale. Der strenge Logiker und damit für kontinentale Denkschulen und totalitarismusvernarrte Studentenrevoluzzer als Vorbild völlig Ungeeignete. Machte mit Hegel (dessen Versuche über Mathematik zu philosophieren Russel als „baren Unsinn“ bezeichnet) und all den anderen Wissens- und Weltgesetzinhabern gleichermaßen kurzen Prozess – „Seine Philosohpie ist so etwas Seltsames, daß man kaum erwarten konnte, daß er dazu vernünftige Menschen überreden würde.“; leider konnte er. Marxens (Wegbereiter des Stalinismus) Gedankenpossen richtet er sehr kurzweilig hin. Damit ist er natürlich für die deutschen und französischen Theorierabarberer unten durch.

Russell ist dieser Typ, der, inmitten des unverständlichen, vom Genie gehaltenen Vortrag, dem das Publikum ebenso andächtig wie hilflos folgt, plötzlich nachfragt. Der zugibt, es nicht verstanden zu haben. Ob man die Sätze denn nicht bitte zerlegen könne. In die Aussagen, die Tatsachen sind. Und als das dann geschieht, zeigt sich, dass die Sätze nicht falsch oder wahr sind. Sondern schlicht unsinnig. „Wovon man nicht sprechen kann, darüber muss man schweigen.“ hätte da Freund Wittgenstein sekundiert. Aber die Großerklärer schweigen ja nie. Sie bieten Sinn und Mission. Sie wissen, wo Russell nur fragt. Heute ist er ein toter, weißer Mann, der von den Leselisten zu streichen ist. Er passt mit seinem kritischen Rationalismus kaum noch in die Zeit, die nichts als Gewissheiten wünscht.

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