Europa ist kein Ort auf der Landkarte

Der große Vorsitzende der völkischen Partei, deren Aufstieg gegen alles Anschreiben der Gelehrten und Intellektuellen rasant und nahezu ungebremst, vielleicht auch zwingend so verlief, schreitet durch das Spalier der jubelnd vereinten NSU-Massen. Harte Holzschnitzgesichter. Männer, nicht wenige morderprobt. Politische Gegner, Angehörige religiöser und ethnischer Minderheiten haben sie erschossen, erschlagen. Jeder weiß es hier, am meisten der alte Mann, der zwischen ihnen schreitet. Flaggen, Chöre, zu völkischem Gruß greckte Arme füllen den Saal. Mildes Triumphatorenlächeln umspielt die Züge des Alten: Wie er da im schlecht sitzenden Anzug die Paradestrecke emporschreitet, dem Rednerpult zu, ist er da nicht der Retter seines Volkes? Gauland erklimmt die Stufen…Halt, was? Gauland? Quatsch.

Erdogan natürlich, und nein, nicht NSU-Hanseln, sondern die Grauen Wölfe bilden sein Spalier. Eine ultra-völkische Propaganda- und Mördergruppe, die in der Türkei keinen Drang verspürt sich in den Untergrund zu absentieren. Es ist dies das Land, dies der Staatschef, der gern den Europäern, näher noch den Deutschen, üblen Faschismus und Rassismus ans Revers heftet. Nun, das ist Politik. Damit kann ich leben. Aber, dass die deutsche Öffentlichkeit, dass die Redaktionen, die nun seit Tagen den gezwitscherten und mit allerlei Vorwürfen gespickten Rücktritt eines Balljongleurs kommentieren und ausdeuten, als wär’s der raunende Blödsinn eines Derrida, also, dass diese Großerleuchter sich einen feuchten Grashalm um die Verhältnisse in der Türkei kümmern, erweckt wahrlich thymotische Energien in mir. Nie beleuchten sie Hintergründe. Stets kommt nur eine Meldung, in welcher irgendein osmanischer Großwürdenträger den Deutschen Rassismus vorwirft. Das nimmt die brave, bei Zeit-, Süddeutscher- oder Spiegel robotende Drohne gern zum Anlass, selbigen einmal wieder unter die Lupe zu nehmen. Aber auch nur ein Blick in die Türkei? Einmal die Verhältnisse dort prüfen? Wie geht man denn dort so mit Minderheiten um? Wie ist es denn im Lande, in dem Beleidigung des Türkentums unter Strafe steht so um die Offenheit, die Buntheit bestellt? In einem Land, in dem selbst die Mitte der Gesellschaft einen völkisch-nationalistischen Chauvinismus pflegt, der hier nur noch in den Reihen der NPD anzutreffen ist? Diese völlige Blindheit, nein, dieses sprachlos machende Desinteresse der Medien lässt mir das Blut kochen. Es ähnelt der Berichterstattung über Israel, in der nie die Attacke von Hamas oder Hisbollah, immer nur die Reaktion der IDF ein paar Spritzer Tinte wert ist. Es gibt in diesem Narrativ den Täter, es gibt das Opfer. Ambiguität ist nicht erwünscht. Könnte die Leser verunsichern.

Was gehört wozu? Was macht, dass Menschen zu Menschen gehören wollen, sich eine Gruppe konstruieren? Ich lebe also in Japan, sehe nicht aus wie die Japaner, spreche ihre Sprache nicht, kenne ihre Traditionen, ihre sozialen Regeln und ihre Götter, ihre Geschichte nicht; kleide mich anders, speise anders, lausche anderer Musik. Und noch meine Kinder sollen es so tun. Hin und wieder lasse ich durchblicken, dass ich Japan eigentlich verachte. In meiner Community ist Japaner ein Schimpfwort. Will einer doch in die japanische Welt hineinwachsen, beschimpfe, bedrohe ich ihn. Dann moniere ich, dass mir die Japaner das Gefühl gäben, nicht zu ihnen zu gehören. Ja, was denn sonst? Die ganze Debatte um die von den Faschodeutschen ausgeschlossenen Deutschtürken ist dermaßen absurd, voller Heuchelei. Übersättigt mit Heuchelei. Und aus Unehrlichkeit, aus Lüge wird nur missgeboren.

Zuerst: Gibt es Faschodeutsche, die jeden, der nicht so aussieht, als hätte er seit tausend Jahren hier, in dieser Ecke der Welt, eine Scholle gepflügt, hassen, ablehnen, gernstens wieder los werden wollen? Ja, in Mengen, wenn auch nicht rauen Mengen. In dem Krähwinkel, der mich ausgespuckt hat, mehr als anderswo. Aber sie sind eine sich rapide vermindert habende Art. Wir sind eben nicht ins Jahr 1929 gerutscht, wo die Nazis und ihre völkischen Brüder einer Jugendbewegung vorstanden. Nein, der Schoß ist fruchtbar schon lange nicht mehr. Trocken isser.

Zunächst: In nicht unbedeutend großen Teilen der türkisch sich nennenden Community in Deutschland herrscht ein türkisch-völkischer Chauvinismus, der unerträglich ist. Da wird von türkischem Blut und türkischer Ehre gelabert, dass es eine Art hat. Burschenschaftssprech, Kaiserreich anno 1914. Da sind die Deutschen verachteter Seim, da wird jede Idee, man könne sich Deutschland und, viel wichtiger: der europäischen Kultur, annähern, als böser Verrat gewertet. Wenn aus diesen Gruppen nun Beschwerden Ausschließung betreffend hageln, ist das nur noch Brechreiz auslösend. Das sind die Fremden und keine Zeitkolumne wird mich davon abringen, diesen Wahn zu meiner Sache zu machen.

Weiter: Es gibt dann die zahllosen Deutschtürken, oder Türkendeutsche, die Europa und Deutschland zu Ihrer Sache gemacht haben. Die den einmaligen – ja, das ist es – emanzipatorischen Akt, den bisher nur die westliche Zivilisation erfahren oder geleistet hat, annehmen; mehr noch: wollen, übernehmen und weiterführen. Sie sind Europäer, Deutsche, sie bramarbasieren nicht von der Ehre der Männer, der Nation, des Blutes und der Reinheit der Frauen. Das sind die Meinen.

Jetzt: Europäer ist man unabhängig von der Ethnie, der Hautfarbe, der Lebensregion. Man kann Europäer sein in Timbuktu oder in Auckland. Genauso kann man aber Araber in Paris oder Türke in München sein. Europa ist nichts als Kultur, Zivilisation, Idee. Wer Europa, seine geistigen Formationen so ablehnt, wie es viele Einwanderer aus fast ausschließlich islamischen Ländern tun, der ist kein Europäer. Der ist Bürger der europäischen Staaten, aber kein Europäer. Wer leben und denken will, wie es auf der arabischen Straße üblich ist – frei von Weibern, Juden, Gotteslästerern, Zweiflern, Wissenschaftlern, Schwulen – der ist eben auch Araber. Und nicht plötzlich Europäer.

Wenn zwei Barbaren unter dem Gott-ist-Größer-Geschrei einen Juden niederprügeln, dann lautet die Schlagzeile nicht, zwei Europäer hätten wieder einmal ihren Judenhass ausgelebt. Nein, dieser Hass wurde außerhalb Europas formatiert und kam hierher.

Aus diesen Gedanken kann man kein Staatsrecht machen. „Europäer ist, wer Mozart liebt, Opern schätzt, sich von der Religion fern hält, sie zumindest kritisch beäugt – gerade die eigene – wer die französischen Moralisten rezitiert und einen kritischen Rationalismus vertritt.“ Dann hätte man die Neuauflage der Nürnberger Gesetze. Außerdem gäbe es dann kaum noch Europäer im Sinne dieser Regel. Denn wer ist denn ehrlich so rein, so zivil?

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Ach, Europa…

Aber die Alternative, dass prägende Teile bedeutender Minderheiten, die von Europa nichts wissen, vor allem sich nicht in seine Werte und Regeln integrieren wollen, und die dieser europäischen Welt bis heute kaum Loyalität entgegenbringen, nicht in die Diskussion gezwungen werden, darf nicht sein. Denn genau die geschieht: Sie werden nicht in den Diskurs gezwungen. Sie klagen gern über Ausgrenzung, aber ihre linken Champions sorgen dafür, dass sie, ihre Sprecher sich nicht in der Debatte bewähren müssen. Das wäre auch nicht schön, da würde so mache Ansicht ans Licht gelangen, die dem Redakteur der progressiven Zeitung nicht gefallen würde. Der Versuch, diesen Dissens, diese Unvereinbarkeiten einfach unter den Teppich zu kehren wird scheitern, wie er in jeder Gesellschaft gescheitert ist. Überhaupt ist die Nachsicht, mit der die Linke erzreaktionäre Ansichten in Migrantengemeinschaften nachsichtig duldet eine besonders unschöne Spielart der Ausgrenzung. Jeder hat das Recht auf Kritik, die er auch beleidigend empfinden mag. Aber noch nie habe ich in der Zeit einen Artikel der Art gelesen, dass Tarkan R. sich darüber auslässt, dass er angesichts seines Juden- und Schwulenhasses, seiner Missachtung von Frauen keinen richtigen Gegenwind erfährt – was er als Modus der Ausgrenzung werte. Womit er übrigens recht hätte. Es ist Ausgrenzung, früher nannte man das nicht satisfaktionsfähig.

1913 löste die kaiserliche Regierung den böhmischen Landtag auf. Die Differenzen zwischen Tschechen und Deutschen hatten weiteres Arbeiten unmöglich gemacht. Das ist halt das Problem: Die Differenzen zwischen den Parteiungen dürfen nicht den Kern betreffen, der die Gemeinschaften zusammenhält. Ist dies die Idee der Nationalität, so wie es 1913 in der k.u.k-Welt leider der Fall war, und die Trennung ist eine zu starke, gibt es keinen Grund mehr, auf dem der Staat bestehen kann. Was ist dann die Idee, die muslimische, türkisch-völkische Deutschtürken an Europa bindet? Ich sehe keine. Das ewige leer Mantra, sie seien halt hier geboren sagt gar nichts. Na und? Es ist keine Frage des geographischen, sondern des ideellen Ortes, an dem man sich sieht. Und wer sich hier als Türke und Osmane konstruiert, der ist es eben. Ganz fluide Identitätsbildung. Und wer den Alten, der die Ehrbezeugungen mörderischer türkischer Freikorpsler entgegennimmt, wählt, den toll findet, der keinen Tag versäumt Europa anzuspeien, der ist eben kein Europäer. Und darin liegt politischer, gesellschaftlicher Sprengstoff jenseits lächerlicher Rassismusdebatten für Großstadt-Hipster. Wer das für unproblematisch befindet und „offene Gesellschaft“ ruft, hat Popper nicht im Ansatz verstanden.

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