Die glückliche Generation

Die ganz Alten wussten es noch: Glück, das ist keineswegs ein Zustand oder Ding an dessen Inhaberschaft der Mensch sich umstands- oder gar hemmungslos erfreuen darf.  Denn das Leben, so meinte man aus der täglichen und überlieferten Anschauung heraus folgern zu dürfen, ist meist Leid, Sorge und Not – so hatten es die Unsterblichen, als sie die Welt eingerichtet und den Mensch darin gesetzt, eben beschlossen. Wer von Kalamitäten frei war – im Glück schwelgte – der war höchscht verdächtig, der war im Grunde ein Verurteilter, der in samtausgeschlagener Zelle auf die Tortur wartete, ohne sich dessen bewusst zu sein. Denn Glück neideten die Götter den Sterblichen. Daraus gebar sich ihre Missgunst. Ihr Wunsch, Glück in Un-Glück zu verwandeln. Sie bestraften den Seligen, entrissen ihm das unverschämte Glück und verfluchten sein Schicksal. Wie gesagt, das glaubte man einst. Ein wenig hat sich dieser Verdacht, dass dem übergroßen Glück das ausgleichende Pech auf dem Fuße folgen muss, wohl noch in unserer Alltagsmythologie gehalten.

Ich behaupte, dass keine glücklichere Generation je den Erdenrund durchschritt als jene, die in den späten Siebzigern und frühen Achtzigern in der BRD in die Welt gesetzt wurde. Sie wuchs auf in einem Zeitalter des Wohlstandes und der Stabilität, wie es die Welt noch nicht gesehen hatte. Ein saturnisches, ein goldenes Zeitalter. Zu weit vom Krieg – dem der Großeltern – entfernt, um ernsthaft unter den psychologischen Nachwirkungen zu leiden, bereits – anders als ihre Eltern, die Kinder der Adenauerzeit – im unbeschränkten Konsumschlaraffenland an die mit Haribobären gefüllten Teiche unter den Schokoladenbäumen gesetzt, überwiegend von achtsamen und strengelosen Eltern erzogen, in Schulen ausgebildet, die von Rohrstock und Gehorsam bereits so weit entfernt waren wie ein Labradorhund von einem Schneehasen. Kurzum: Güldene, weiche, sichere Zeit – dagegen selbst die gute alte Zeit des Stefan Zweig verblasst, denn in seiner Epoche pflegte man nach nicht ganz vollständig auswendig gelernten Lateingedichten noch vom Gymnasialprofessor gezüchtigt zu werden, bevor man dann und wann am Typhus einging oder in Folge eines vereiterten Zahnes das Zeitliche segnete.

Ich selbst, ob meiner düster-reaktionären Geisteshaltung ist’s leicht zu erkennen, stamme aus dem antifaschistisch sich gelobt habenden deutschen Landesteil und entsprechend habe ich, hat mein ganzer östlicher Stammesverband eine Erfahrung machen müssen – besser machen dürfen aus meiner rechten Lumpengesinnung frei heraus gesagt – dass scheinbar für die Ewigkeit Errichtetes in einer Geschichtssekunde einfach so – pufff! – sich in Rauch auflösen kann. Dass sich politische und soziale Zustände nicht schön linear in Abhängigkeit von der Zeit von A zu B verändern. Sondern dass Geschichte gern auch in Kataklysmen verläuft, die noch Wochen, bevor sie über Schrebergärten und Studierstuben, Kasernen und Fabriken gleichermaßen hereinbrechen, kaum einer hatte erahnen können. Dieses Gefühl, dass nichts festgefügt, nichts endgültig und nichts sicher ist, bleibt wohl dem Osten als taktgebender Generalbass erhalten. Der glücklichen Generation der BRD scheint dieser Sound nicht nur unbekannt, sondern unvorstellbar und wenn begriffen, dann leicht anrüchig. Pessimismus ist ihrer Ansicht nach fast schon staatsgefährdend. Um noch einmal den armen Zweig zu bemühen: Wessis sind Vorkriegsmenschen, die Ossis die Zeitgenossen nach dem Zusammenbruch. Die einen voller Optimismus, die anderen Zyniker.

Nun hat ja die Gesellschaft der späten BRD, so mag man einwenden, ihre eigenen Angstpsychosen, manche durchaus auf Gründen von realer Natur beruhend, gepflegt.  Atom-Angst, Ozon-Angst, Waldsterbens-Angst, überhaupt Naturkaputt-Angst. Doch es geht ja darum, dass eben Jenes zusammenbricht, trümmernd dich begräbt, von dem du es nicht erwartest. Man sorgte sich – nicht zu Unrecht – um die Natur, und indem man dies tat und handelte, entledigte man sich nach und nach des Sorgengrundes: die Flüsse, die Wolken wurden sauberer. Es ist etwas ganz anderes, wenn der Zusammenbruch sich realisiert, und zwar in Bereichen, von denen man es nie erwartet hätte. Die man gerade nicht als für den Sturz bereit erachtete.

Einer der Großreaktionäre meinte einmal sinngemäß, dass nicht die Stürme, gegen die man sich wappne, sondern die unbemerkte Minierarbeit der Ameisen stolze Burgen zum Einsturz bringe.

Die Überzahl meiner Kollegen hat sich aus mir schleierhaften Gründen von den rebengesäumten Ufern des Rheins an die plastikmüllgesäumten Ufer der Spree verirrt, sie stammen also par excellence aus der rheinischen Republik, in die sie mehrheitlich von etwas über dreißig Jahren hineingeboren wurden. Es sind Mittelstandskinder, wenn es so etwas je gegeben hat. Die Mutter Beamte, der Vater Quasi-Beatmer bei einem jener beneidenswert renditestarken Konzerne, die sich zwischen Neckar und Ruhr festgesetzt haben. Haus mit Garten, Waldorfschule – nicht immer, aber oft – gern auch noch konfessionell gebunden. Von den Erschütterungen des Jahres 89 haben sie, dem Alter geschuldet, wenig mitbekommen, aber auch danach blieben für sie der Umbruch und seine Folgen nur randständiges Flimmern am Horizont. Ausgenommen jene im Privaten erlittenen Schicksalsschläge, scheint den meisten von ihnen die Idee der Geschichte seltsam fremd oder vielleicht auch vorgestrig zu erscheinen. In ihrem Denken meine ich nach mancher Diskussion der Gegenwart ein eigenartiges Amalgam zu erkennen: Die freudige Begrüßung jeden Wandels verbunden mit der Überzeugung, dass sich im Grunde überhaupt nichts wandelt – nicht in den Dingen, die ihnen wichtig sind und nicht in ihrem privaten Wohlleben. Ein, so scheint mir, Signum des naiven Optimismus. Jene sind also Angehörige der glücklichen Generation.

Meist spreche ich, wenn ich über die Glücklichen nachdenke, von Akademikern mit Abschlüssen in nichttechnischen oder naturwissenschaftlichen Fächern, die – wie ich auch – Schreibtischjobs von fragwürdigem Nutzen in der Großstadt nachgehen, und somit fasst immer sich dem diffusen links-grünen Ideologem angehörig fühlen. Sie bejubeln jede Änderung, die ihnen progressiv erscheint oder zumindest als progressiv verkauft wird. So etwa – natürlich, was denn sonst – die Eingemeindung der islamischen Religiosität, die nichts von dem Molluskencharkter des Kirchentagschristentums in sich trägt – das allein diese Optimisten als gelebte Religion sich vorzustellen vermögen. Dass dieser Neuaufladung des Gottesglaubens – Tröpfchen um Tröpfchen den Unterbau ihrer hochkultivierten, zivilisatorisch raffinierten Welt auswaschend – eines Tages ein drastischer Wechsel der sozialen, ökonomischen und politischen Beziehungen folgen könnte, scheint den Glücklichen unvorstellbar. Sie, weich, tolerant und evangelisch oder katholisch, aber nicht gläubig, scheinen Menschen mit anderen Motiven und Antrieben als den ihren einfach nicht fähig zu imaginieren. Wenn man nur optimistisch ist, so das Credo, jedes Indiz positiv ausdeutet und wo dies nicht geht die Augen und Ohren versiegelt sich mit dem Wachs der Hoffnung oder der Heuchelei – ja, dann muss alles gelingen, an was man wünscht, glauben zu müssen.

Als den östlichen Marken und damit Mordor Entstammender, als Zyniker und Pessimist, gehe ich wiederum davon aus, dass die Katastrophe der Zivilisation möglich ist. Weil es eben nicht allein reicht, eine gute Geschichte von der Gesellschaft zu erzählen – ewiger Fehler der Sozialdenker seit dem linguistic turn – wenn die Konstrukte derer, welche die Gesellschaft formen, mit diesem Überkonstrukt nicht mehr viel zu tun haben. Da mochten die Presse und die Stabilehrer das gesetzmäßig gesicherte Eintreten des kommunistischen Heils noch so oft wiederkäuen – der gemeine DDR-Bürger hatte der Idee längst die Treue entzogen. Nur wussten diese Treuebrecher noch nichts voneinander – bis sie dann, recht plötzlich, bemerkten, welche Zahl sie doch vorstellten. Und dann ging es schnell mit auf-den-Müllhaufen-der-Geschichte-werfen.

In ein paar Jahren werden große Städte dieser Weltgegend mehrheitlich von jenen bewohnt werden, die versuchen dem Propheten Gottes nachzufolgen. So sei es, es ist ihr gutes Recht. Dass es so kommt ist keine Frage mehr, sondern eine demographische Tatsache, die sich bereits jetzt in den jüngeren Alterskohorten realisiert hat. Wenn diese, es sei dahin gestellt warum oder wie, das ist nicht mein Gedanke, sich den gedanklichen, sittlichen Konstrukten der so optimistischen glücklichen Generation verweigern, sie zurückweisen – dann wird sich dies in politischem Handeln niederschlagen. Das kann in einer Demokratie nicht anders sein, darf es auch nicht. Mein Optimismus, dass es anders kommt, ist in dieser Sache vorsichtig gesagt eng eingehegt. Den Glücklichen jedenfalls bringen die Götter zu Fall und auf dem Weg dahin pflegen sie ihn mit Blindheit zu schlagen. Vielleicht ist letzteres auch eine Gnade.

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